Das Gewohnte als Motiv

„Was begehrt man? Man begehrt das, was man täglich sieht!“

Das ist ein Zitat aus dem Thriller „Das Schweigen der Lämmer“ aus dem Mund des berüchtigten Hannibal Lector.

„Das, was man täglich sieht“ scheint beim Fotografieren oft nicht zwingend attraktiv, denn die Motive sind wiederkehrend, sind immer da und oft gewöhnlich. Häuser, Gegenstände, Bäume, Perspektiven, Wege und Landschaften … alles um uns herum gehört zu unserem Alltag, fällt nicht mehr auf und macht das Auge träge. Dabei könnte es ein lohnendes Projekt sein, den eigenen Alltag mit allem Umgebenden einmal fotografisch in Szene zu setzen.

Denn das Alltägliche sorgt ja oft auch für überraschende Momente. So auch bei diesem Foto, aufgenommen während meiner täglichen Abendrunde mit meinem Hund.

Die beste Kamera ist in diesen Momenten immer die, die man dabei hat. Und so habe ich auch diesen Sonnenuntergang mit meinem Handy aufgenommen. Soagr die Bildbearbeitung erfolgte „in place“ auf dem Smartphone.

Das Originalfoto kam so aus meinem Handy:

Sonnenuntergang 1

Nach der Bearbeitung im Handy (!) sah das fertige Foto dann so aus:

Sonnenuntergang 2

Ich geb zu: das Ergebnis ist im gewissen Sinn populistisch. Es hat diesen gewissen effekthaschenden Wow-Factor, der möglicherweise dem Mainstreamgeschmack entspricht (HDR – na klar-, knallige Farben und „dramatische“ Kontraste). Von daher könnte man meiner „Quick&dirty“-Bearbeitung vorwerfen, sie sei gemessen an der wirklichen Szenerie ja völlig „unrealistisch“.

Ebenso unrealistisch ist jedoch auch das Originalfoto, bei dem fast die ganze Landschaft in einem Dunkel versinkt, das nur deswegen existiert, weil der Fokus auf dem immer noch hellen Sonnenuntergang sitzt und die Kamera nicht in der Lage war, die enormen Lichtdifferenzen der Szene zu verarbeiten.

Am Ende entscheiden meine subjektive Wahrnehmung und meine Augen, die auch und gerade bei Gegenlicht viel differenzierter sehen als jedes mir bekannte Kamera-Auge. Und am Ende ist das Gewohnte dann doch überraschend, denn es war erst die Bearbeitung, die Details und eine differenzierte Darstellung der Szenerie ermöglicht hat.

Philosophisch betrachtet könnte das ein Indiz dafür sein, dass erst die Beschäftigung mit dem Gewöhnlichen diesem jene tiefere Bedeutung entlockt, die dem achtlosen ersten Blick verborgen bleiben muss.

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